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Die Regenwahrscheinlichkeit war 50 Prozent, und nach einem sonnigen Morgen war klar: Vor uns lag die feuchte Hälfte des Tages. Genau zum Eintreffen fielen die ersten Tropfen, und dick waren sie! Ich aber hatte meinen Schirm dabei und nutzte die Zeit zu einem Spaziergang an er Alb, an der Kapelle war sonst niemand. Kein Mensch, doch dieser uralte Baum mit seinem dichten Blätterdach, der alles trocken hielt und die Menschen schützend umfasste wie ein riesiges Zelt: die Besucher, uns Lesende von der Literatenrunde sowie Manuela Schur und Marius Göhringer. Beide hatten spontan zugesagt, und als wir am Ende auseinandergingen, meinte Marius sogar, das grüne Blätterdach habe nicht nur seine Mandoline vor Nässe geschützt, sondern auch eine ausgezeichnete Akustik bewirkt. Vorher aber lag ein stimmungsvoller Abend.

Frank Diedrich begrüßte die Gäste und, na klar, die Texte wären nicht perfekt. Dies aber ist ja genau der Grund, warum sie sich zusammengefunden hat, die Literatenrunde e.V. Weil wir gerne schreiben und zusammen wachsen wollen. Und offen ist sie: Jede(r) ist willkommen!

Fritz Kölling moderierte mit Charme und Schwung, stellte die Lesenden vor und ihr Schaffen: Ekkehard Meyer, Rabenstern, Hans-Jürgen Block, Frank Diedrich und auch er selbst las eine Kurzgeschichte.

Zu den Geschichten und Gedichten sage ich hier nichts, denn jeden zweiten Dienstag kann man sie hören, in unserer Schreibwerkstatt., die Texte. Andere, nicht die gleichen wie bei der Klappstuhllesung, doch wiederholen kann man den Zauber eines solchen Abends ohnehin nicht. Nur wer dabeigewesen war, nimmt ein Körnchen Gold vom zerplatzten Zauberstab aus Rabensterns Märchen mit nach Hause, in seinem Herzen, wo es noch lange schimmern wird, und uns erinnern.

Inzwischen haben wir mehr als ein Jahr Erfahrung mit unserer online Textwerkstatt, und vieles hat sich wirklich gut entwickelt. Manches lässt sich im Vergleich zu unseren früheren Treffen im BBK sogar einfacher an. Die literarische Arbeit, zum Beispiel. Wir haben die Texte, anders als früher, jetzt immer vor Augen. Oft werden sie vorab geteilt, und dann kann man sich noch während des Lesens Notizen machen. Heute haben wir mit Kurzgeschichten gearbeitet. Im Foto ‘work in progress’ mit einem Text von Hans-Jürgen Block:

Textwerkstatt vom 1. Juni 2021

Das Kleid war mir egal. Mir war es wichtig, die weißen Schuhe zu tragen, die von meiner Hochzeit. Ich habe sie in der letzten Ecke des Schranks gefunden. Sie waren noch in dem Seidenbeutel, in dem ich sie kaufte. Sie hatten die Farbe des Mondes an wolkenlosen Abenden. Ich habe mich sofort in sie verliebt, als ich sie sah, und habe sie über fünfzig Jahre lang behalten. Ich bin froh, dass ich keine Töchter habe, die sie hätten erben müssen. Auf diesen Absätzen fing ich an, mit dir zu gehen, mein lieber Alter.

Bevor ich aufbrach, schaute ich noch ein letztes Mal in den Spiegel. Ich bemalte meine Lippen mit dem weinroten Lippenstift, den mein Mann so sehr mochte. Ich holte mir die Einladung und beschloss, zu Fuß zu gehen. Es war lange her, dass ich in der Festlichen Konkordie – dem Tanzsaal gewesen war.

Erinnerst du dich daran? Wir haben dort unsere goldene Hochzeit gefeiert, genau fünf Monate bevor du von uns gegangen bist. Das ist also die erste Party, auf die ich allein gehe, ohne mich an deinen Arm zu lehnen, ohne über jeden Witz und jede wilde Idee von dir zu lachen.

Welch wunderbares Licht entweicht durch die Fenster der Konkordie! Schon höre ich den Lärm der Musiker und das ungestüme Echo der Gäste, die sich dort vergnügen.

—Darf ich um Ihre Einladung bitten, Madame? -, fragt mich ein junger Mann am Eingangstor.

Du solltest sein Gesicht sehen, mein lieber Alter, er sieht aus wie ein Engel, der vom Himmel herabgekommen ist.

—Hier ist sie, mein Sohn, antworte ich und reiche ihm den Zettel.

—Tisch Nummer 16. Ein ausgezeichneter Ort für eine so elegante Dame —lobt mich der Grünschnabel und weist mich an, nach rechts zu gehen.

Mein Tisch steht direkt vor dem Fenster. Der perfekte Platz zwischen dem hellen Licht der Kronleuchter und dem dunklen Samt des Himmels hinter der Scheibe. Der runde Tisch ist wie für Könige gedeckt, und es sind nur zwei Stühle aufgestellt. Ich nehme den Platz, der den Spiegeln an der Wand am nächsten ist.

Von dort aus sehe ich die Nacht und die Sterne und spüre, dass du tief im Innern noch nicht weg bist, alte Liebe.

Diesmal gieße ich mir selbst ein. Es ist einer der exquisitesten Weine, die ich je probiert habe.

Du wärst von dem Geschmack in Ohnmacht gefallen, mein lieber Alter.

Und bevor ich den nächsten Schluck nehme, sehe ich einen weiteren Gast lächelnd kommen.

Ich glaube nicht, dass ich so schnell betrunken bin. Der Mann, der nach dem zweiten Stuhl greift ist Samuel Coronado persönlich. Plötzlich bin ich wieder sechzehn, und ich spüre den ersten Kuss wie Tau auf meinen Lippen.

—Esther, meine Kameliendame.

—Samuel!

Wie lange ist es her, wie viele Jahre habe ich nicht mehr in seine süßen, honigfarbenen Augen meiner goldenen Träume geschaut?

—Aber… aber du… Du…

—Bin ich tot? Nein, schöne Esther, ich bin nur in einer anderen Zeit.

Noch einmal spüre ich das Streicheln seiner Hand an meinem Arm, und ich kann den Seufzer kaum zurückhalten, der sich gegen meine Verzückung sträubt.

Ich verstehe kaum, was passiert, und dann tauchst du auf, mein lieber Alter.

—Altes Weib! —sagst du zu mir mit dieser Stimme, die klingt wie das lachende Lied eines Baches in der Morgendämmerung.

Ich höre dich. Ich sehe dich, lieber Alter!

Tränen nehmen den Seufzer weg. Sie trüben meine Augen und benetzen meinen Schmerz, der zu Erinnerung geworden ist.

Du weißt nicht, wie sehr ich dich vermisst habe!

Und plötzlich werde ich still. Schweigen ist das Einzige, was mir bleibt.

Ich sehe sie beide. Und ich fühle mich so absurd und in die Hilflosigkeit geworfen.

Der junge Mann an der Tür nähert sich beflissen. 

—Es ist Zeit für die Ewigkeit, Esther —verkündet er, als wäre es ein Preis. Ich ahne, was auf mich zukommt, meine Zunge ist gelähmt, verborgen in den Tiefen meines Mundes.

—Es ist Zeit für die Wahrheit, Zeit eine Entscheidung zu treffen —fährt er fort.

Die Liebe deines Lebens oder der Mann, der dich trotz aller Widrigkeiten geliebt hat.

Ana-Rosa López-Villegas

Kurzgeschichte, Poetry Slam, Lyrik – ziemlich bunt diesmal. Und Spaß hat es gemacht!

Sei über einem Jahr haben wir uns nicht mehr getroffen. Wer jetzt glauben würde, unsere Aktivitäten seien eingeschlafen, könnte sich nicht stärker irren. Waren am Anfang unsere Zoomversuche noch etwas wackelig, haben die Treffen inzwischen ordentlich Fahrt aufgenommen. Die letzten Male waren wir jedes Mal fast ein Dutzend, die mitgemacht haben. Und wir haben gut zusammen an unseren Texten gearbeitet. Richtig Spaß hat es gemacht. Und immer gilt: Alles darf. Vorhandenes und Neues.

Manchmal machen wir Schreibübungen: Monolog eines Radiergummis, wer hat Lust, etwas zu schreiben? Gisela Naumann hatte. Und hier ist ihr Text:

Monolog eines Radiergummis

Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass ich, der Radiergummi des Colonels Comte de Saint-Elzar, einmal im Müll,  im Unrat landen würde.

Ich habe mein Leben im Arbeitszimmer im oder auf dem Schreibtisch meines Colonels verbracht, zusammen mit seinem goldenen Füllfederhalter, dem Siegellack und dem Petschaft und natürlich mit den säuberlich gespitzten Bleistiften. In der mittleren der drei Schubladen des Louis XVI.-Schreibtischs atmete ich den feinen Geruch der kubanischen Zigarren des Colonels und den Veilchenduft der Briefe der Mademoiselle de Balladon. Mein ganzes Leben habe ich hier verbracht, nachdem der Colonel mich erworben hatte. Ich half ihm bei den Verbesserungen seiner Skizzen zu Aufmarschplänen und  bei den Planungen militärischer Befestigungen, denn der Colonel glaubte,  er wäre ein Genie im Festungsbau und würde selbst Vauban übertreffen. Seit seiner Pensionierung hatte er nichts anderes mehr zu tun.

Ich war wichtig. Was hätte dieser hagere, französische Aristokrat ohne meine Hilfe fertiggebracht? Und bedenken Sie, welcher Radiergummi residiert schon in einem Schloss aus der Zeit Heinrich III.?

Manchmal bekam der Colonel Besuch und die Herren Militärs sahen sich die Skizzen an, an denen ich, wenn man es recht betrachtet, einen erheblichen Anteil hatte. Die Herren sparten nicht mit lobenden Kommentaren, denn mein Colonel wäre fast Kriegsminister geworden. Ich war kein gewöhnlicher Radiergummi. Ich war schon etwas Besonderes und das sah im Laufe der Jahre auch der goldene Füllfederhalter ein und respektierte mich. Glauben Sie mir, ihn nahm er viel seltener in die Hand, als mich. Der Colonel behandelte mich mit einer Behutsamkeit, die etwas Gemessenes hatte. Er reichte mich nie an seinen Kammerdiener weiter. Er räumte mich auch wieder selbst in die Schreibtisch-Schublade  ein, wo ich in einer Art Noveau Bronzeschale zu liegen kam. Wenige Zentimeter von mir entfernt träumten die Briefe der schönen Mademoiselle de Balladon vor sich hin. Leider habe ich die junge Dame nie kennengelernt. Sie war die Jugendliebe des Colonels. Das erkannte ich daran, wie er in seltenen Augenblicken die Briefe wie eine Kostbarkeit in die Hand nahm und das rote Band löste, das sie zusammenhielt und in einem davon las.

Ja, er war ein schöpferischer Mensch, mein Colonel, und ich kann mich rühmen, daran einen nicht geringen Anteil zu haben. Wie oft fiel ein suchender Blick aus seinen stahlgrauen Augen auf mich, wenn, wie häufig, etwas an seinen Aufmarschplänen zu verbessern war.

Irgendwann gewann ich den Eindruck, dass der Colonel in körperlicher Hinsicht eine schlechte Phase durchmachte. Er zeichnete nicht mehr. Ich glaube, man brauchte keine besonders feine Nase, um zu erkennen, dass es dem Colonel nicht mehr gut ging. Es war wirklich mein großes Pech, dass der Colonel eines Tages tot in seinem Armlehnstuhl saß. Sein Erbe war ein junger Neffe, ein ungehobelter Mensch. Er verbrannte die Skizzen meines Colonels im Kamin. Ebenso erging es den Briefen der Mademoiselle, nicht ohne, dass er vorher einen Blick in einen der Briefe geworfen hatte und dabei ein widerwärtiges Lachen ausstieß. Langsam bekam ich es mit der Angst zu tun. Alles veränderte sich in rasender Geschwindigkeit.

Der Tod des Colonels hat für mich alles zum Einstürzen gebracht. Ein neuer Zustand, der mich alles, was mein bisheriges Leben ausgemacht hat, verlieren ließ, etwas was ich mir niemals hätte vorstellen können.

Der Neffe wies den Kammerdiener an, mich neben vielen anderen Dingen zu entsorgen, ohne Rücksicht darauf, was ich alles geleistet hatte.

Dort im Abfall bin ich also gelandet, zwischen schmutzigen Taschentüchern, Bleistiftstummeln, Zeitungsausschnitten, Bartbinden und noch grässlicheren Dingen. Ich, der ich im Dienste meines Herrn hart geworden bin.

Ich frage mich, wohin sie mich bringen? Ich sehe ein Stückchen hellen Himmels über mir, während der Zinkeimer stark schaukelt. Wir haben also das Schloss verlassen. Ich erinnere mich, wenn auch nur dunkel, diese Umgebung schon einmal gesehen zu haben.

Rauch, Brandgeruch, rote Flammen. Ich lande im Feuer.

Bedeutet das mein Ende?

Gisela Naumann