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17.11.2007 von admin.
FRAUKE BAHLE
Ausschnitt aus “Kipp dich frei”
Die Menschen in Asturien haben eine merkwürdige Angewohnheit. Sie trinken Cidre. Das allein ist vielleicht noch nicht merkwürdig, aber die Art, wie sie ihn trinken oder, besser gesagt, nicht trinken, ist ein Schauspiel. Eines, das mich vor Jahren ganz unvorbereitet traf, und man darf sagen, dass ich seit dem eine Bar oder Kneipe mit einer gewissen Vorsicht betrete…
MITRA BATHAI
DIE ORIENTALISCHE FRAU
Warum willst du meinen Kopf in Schwarz hüllen?
Hast Du Angst, dass du von den Fangseilen
meiner Haare verzaubert wirst?
Oder stören dich meine freien Gedanken?
Weshalb soll ich als Frau mein Antlitz verstecken?
Befürchtest du, deinen Widerstand zu verlieren,
wenn du meine ausdrucksvollen Blicke siehst?
Oder bereitet dir meine innere Schönheit Angst?
Was treibt dich dazu, dass du versuchst,
mich aus dem Feld zu drängen?
Überrascht dich mein Bewandertsein?
Oder erschreckt dich mein gebrochenes Schweigen?
Es ist mein Recht, mich zu wehren und dir gegenüber zu stehen.
Die Reinheit meines Daseins, die im Atem der Freiheit liegt,
gibt mir die Kraft, dich zu besiegen
und an mein eigenes Ziel zu denken.
JULIA BERNOTAT
DAS MÜNSTER
Im blau getränkten Rot der Schiefer
spiegelt sich das Abendlicht.
Von hoch oben
schaut verschwiegen
schwarzes Filigran herab.
Tief geduckt aus Ecken äugen
durch das Dunkel drei Dämonen
und ein Schrei durchstößt die Stille.
Nebelblaue Abendluft.
Früh am Morgen liegen Leichen
unter rotgeköpftem Mohn
und im Blau erschrockener Augen
spiegelt sich das Morgenlicht.
Leichter Wind trägt Vogelflügel
gelbgetupft ins Himmelblau.
WALTER BERNOTAT
packeis: gleißende helle
liegt über zerstückten formen
bestürzend nackter gewalt
der eisige atem des abgründigen himmels
geht fauchend über das glühen und glimmen
der trümmer-felder hin
wie permutt schimmern die ineinander verkeilten teile
sich aufsteilender schollen aus berstendem eis
blauschwarze glasige hänge ragen
über wellen von schnee in grellem weiß
nadel-kristalle ritzen die flirrende luft
schartige tafeln die sich überschieben
werden zerschlagen
erstarrte flächen wölben sich
reißen und weiten sich zur scherenden kluft
eine welt aus ruinen
im griff einer macht die jeden widerstand bricht
das unablässige pressen und drängen
begleitet ein ächzen heulen und dröhnen
von verstörenden
sich überschneidenden klängen und tönen
und die in eisdurchsetzer luft
vervielfachte sonne
verströmt ihr mitternächtliches rötliches licht
dann risse die riesige eisfelder sprengen
aufschließende wasser öffnen die lücken und in schwerer dünung zerspringen
die schollen zu stücken
und treiben
auf der dunklen see
treibeis scheiben
die auf nachtschwarzen tiefen funkeln
ANKE CIERJACKS
INTERNET
Wie ging man doch früh ins Bett,
damals, vor dem Internet!
Heut lebt mancher im Zerwürfnis,
denn das “net” weckt ein Bedürfnis,
da braucht man den Partner nicht. -
Nun grämt der sich im Verzicht!
Anfangs war nur mal ne Frage,
die, - zu klären sie bei Tage,
man braucht nicht die Bibliothek, -
die war zu und weit der Weg.
Jetzt kann Geld man überweisen,
planen, wohin man könnt’ reisen,
Tickets sogar so erstehen,
ohne einen Schritt zu gehen,
Briefe in die USA,
Knopfdruck und schon sind sie da.
Ja, sogar bis Ecuador, -
es kommt mir wie zaubern vor.
Was man zu verkaufen hätt’,
schreibt man heut ins Internet
Und weil das auch andre tun,
hat man Zeit sich auszuruhn.
Und da sollte man doch denken:
Jetzt hab ich Zeit, sie zu verschenken!
Denkste! Rasen, rennen, hasten
tut die Zeit vor meinem Kasten.
Nur den Finger tat ich führen,
konnte sonst doch gar nichts spüren.
Von m e h r Zeit jetzt nicht die Spur!
Wer erklärt mir dieses nur?
Wenn ich doch die Zeit noch hätt’,
die Zeit von v o r dem Internet!
GUDRUN DING
HERBSTGESPINNSTE
Kürbispralle Gesichterlichter
durchschimmern
regennasse Dunkelstunden.
Bunte Flatterblätter
schmücken
nebelschwere Zwielichtwelten.
Heimelige Gespensterfenster
erhellen
kältestarre Ästereste.
Sonnenstrahlige Farbenwärme
durchflutet
sommerschwere Traubenfülle.
Tautropfzarte Netzgebilde
umgarnen
gartensüße Dufttornados.
DIETMAR HEIL
INTIMITÄT
Ihr Duft betörte mich.
Ich lag auf ihr, schmiegte mich an sie.
Sie berührte mich an den richtigen Stellen und so, als würden wir uns schon lange kennen. -… als wüßte sie genau, was ich mir wünschte.
Ich küßte und liebkoste sie.
Meine Finger erkundeten ihre Rundungen.
Jede Erhebung steigerte die Erregung, jede Vertiefung stimulierte meine meine Phantasie.
Wir bewegten uns rhythmisch - auf und ab, auf und ab…
Meine Hände streichelten sie. Ich stöhnte auf und hoffte, dass es nie enden würde.
Sie war so unendlich weich und warm.
Die Zeit schien still zu stehen - keine Vergangenheit, keine Zukunft - nur Jetzt.
Ich rollte mich auf die Seite, stand auf,
blickte zu ihr hinab und dachte:
diese alte Luftmatratze ist erotischer als jede ach so flache Isomatte.
Ich hatte sie erst letzte Woche auf dem Flohmarkt erstanden.
CHRISTEL HERZHAUSER
ENDLICHE TAGE
Weißt du noch
endlich in Amsterdam
unsere endlichen Tage
Die Grachten zugefroren
Schlittschuhläufer
wie auf den Bildern
alter Meister
wir spürten unsere Hände kaum
die dicken Handschuhe
und fast erfroren
das Lachen
in unserem Gesicht
wir liefen hinter unseren Herzen her
die uns voraus
die verücktesten Sprünge machten
wir sahen die Stadt
sahen sie nicht
alle Brücken führten zueinander
es waren einmal
unsere endlichen Tage
BIRGIT HENEKA
NOVEMBERNEBEL
Novembernebel
weiße Schwaden
Konturen zerfließen
Zartes Morgenrot
durchschimmernd
seine Lichtfinger
nach dir ausstreckend
zaubert Rosa
auf dein Morgengesicht
spiegelt sich
in deinen
Augen wider -
den ganzen Tag
ANGELA HORNBOGEN-MERKL
Ausschnitt aus DAS KINDERBEET
…Kalt schlug es ihr entgegen, als sie sich eine halbe Stunde später durch die dampfenden Leiber der Mitreisenden ins Freie drängte. Eisige Luftfinger griffen zu, ehe sie den Mantel schließen konnte. Die Arme frierend an den Körper gepreßt, hastete sie in die Praxis. Die Zettel auf dem Schreibtisch sagten nichts Wichtiges. Flüchtig dachte sie an ihre Mutter, die sie heute im Pflegeheim besuchen würde. Auf einen rosa Zettel schrieb sie: Fischbrötchen, Bier, Mozartkugeln. Gerda schauderte, als sie an das Lieblingsessen der alten Frau dachte. Seit zwei Jahren war es das “anstatt Blumen”- Mitbringsel und wurde sets sehnsüchtig erwartet.
Die Türklingel schnarrte…
ANGELIKA HÜNEBORG
Menschlichkeit
Wer lieben kann,
wird Frieden haben.
Wer verzeihen kann,
wird Liebe finden.
Wer zu geben bereit ist,
in dem vereint sich Menschlichkeit.
FRANZISKA JOACHIM
Ausschnitt aus “Das Pferd im Schlafzimmer”
Weihnachtsgeschenke für die Enkeltöchter zu besorgen ist ein schwieriges Unternehmen für eine Großmutter; will sie es doch allen recht machen. Sie weiß: die achtjährige Laura besitzt ein stabiles, vom Papa gezimmertes Puppenhaus, es ist nur nicht vollständig eingerichtet. Es fehlen noch die Schlafzimmermöbel. Über die wird sich Laura freuen.
Aber was schenke ich ihrer zwei Jahre älteren Cousine Jenny? Überlegt die Großmutter. Schließlich fragt sie die Mutter und erfährt: Jenny ist zur Zeit in der Barbie-Puppen-Phase und wünscht sich leidenschaftlich das Barbie-Pferd, hauptsächlich, weil keine ihrer Freundinnen so etwas Tolles besitzt…
SABINE KAMPERMANN
SOWEIT DIE SCHUHE TRAGEN
Wenn ich mich in Schuhe zwäng,
spüre ich, sie sind zu eng
Es messen meine Treter
fast nen halben Meter.
Im alten China hätt niemand um mich geworben.
Als alte Jungfer wär ich dort wohl gestorben.
Füße von nem Flußpferdkalb
die stolze Größe neuneinhalb.
Bin Sklavin der Schönheit, da bin ich Frau,
dabei hör ich doch ganz genau:
Wie über meine Riesenlatschen
um mich rum die Leute tratschen.
Einen Fußfetischisten hab ich geehelicht.
Er mag meine Füße mehr als mein Gesicht.
Nun trag ich schamlos unverdrossen
selbst auf der Straße Taucherflossen.
WALTRAUD KIRSTE
Ausschnitt aus”Jenseits des Türschlossdeckelchens
Jetzt könnte es eine gute Zeit werden. Er hat für sie ein Haus gefunden, von dem er sicher war, dass es sie freuen würde, die wenigen Ferientage darin zu verbringen. Allein die roten Geranien am überdachten Giebelbalkon müssten nach ihrem Geschmack sein. Der Balkon ein Traum, die zu erwartenden Sonnenuntergänge und der Sitzplatz unter der alten Lärche.
Das Haus ist gänzlich aus Holz gebaut. Die Innenwände vertäfelt mit passenden Bänken und Regalen. Ein grüner Kachelofen verspricht wohlige Wärme…
HORST KOCH
Ausschnitt aus “DAS TREFFEN”
Es ist ein Tag wie geschaffen fürs Lauern, fürs Beute machen. Die beiden Jungwölfe der Mathematik, Curt und Nadja, hatten das bevorstehende Treffen mit dem einst Verjagten, mit Brennt, in großer innerer Anspannung erwartet. Wie viele Jahre war es her, dass Nadja ihren verehrten und irgendwie auch geliebten Alphawolf in die Einsamkeit gestürzt hatte? Wie viele Jahre war Brennet daraufhin von der Bildfläche verschwunden? Nach dem Verlust seiner bis ins Unendliche geliebten Zauberin und dem gleichzeitigen Verlust seiner Dozentenstelle als Mathematiker. Fünf Jahre, sechs Jahre? Jetzt jedenfalls stand das Wiedersehen unmittelbar bevor…
OLIVER KOCH
Ausschnitt aus “DIE RUHE VOR DEM KNALL”
Schweigen ist über die Flure gekommen, Leere gähnt in den Räumen. Mit jedem Gesicht, das geht, verliert alles an Kontur.
Die Witze von R. waren immer lustig, doch das Lachen ist ihm nach der Kündigung vergangen. Und uns. Die Nachricht ereilte ihn wie ein Blitzschlag, und elektrisiert von diesem Stoß musste er das Büro räumen, das Gebäude verlassen, Platz machen - für das Nichts, das nun an seiner Stelle an seinem Schreibtisch sitzt.
Für seinen Kollegen spielt nun ein Radio leise gegen das Vakuum gegenüber an, und er hat keine Ahnung, wie lange noch.
Mit der Zeit lichten sich die Reihen…
DORIS MALSCH
Ausschnitt aus SAMSCHTICH
Ha, dia Leit heit, dia wäschet sich, dia wäschet sich, manche gar zwoi mol em Dag. I mecht bloss wissa, wo dia sich so dreckich machet?
Dia schaffet scheints älle erm Kohlaberg drenna…Aber koiner isch ruaßich! I siehs no komma, dass dia Leit uf oimol gar koi Haut meh hent!
HELENA MOES
DIE HOFFNUNG
Von Winterstille,
Starre,
die Vogelstimme
laut
weckt mich
aus meinem dunkelgrauen
bleiernen Sein
hell und laut
und aus der Schwere,
das neue Leben
im Gesang
erwacht,
an einem Ort,
an einem Punkt
und lacht und lacht.
VADIM MUCHNYK
ALLES ZU SEINER ZEIT
“Alles zu seiner Zeit” - pflegte sie zu sagen.
Sie machte sich über mich lustig,
sie kühlte meinen Eifer ab.
Ich war niedergeschlagen, verspottet, verschmäht…
Eines Tages erschien sie - wie eine Fee.
“Hast du auf mich gewartet? Nun bin ich gekommen. Lieb’ mich.”
“Alles zu seiner Zeit”, lächelte ich und
warf die Tür vor ihrer Nase ins Schloss.
OLAF PIECHO
Ausschnitt aus “Die goldene Bommel”
…Doch auf einmal war ich in dieser Unglücksstadt Mitrovica, einer Stadt etwa so groß wie Weimar. Messerscharf geteilt leben die Menschen hier, geteilt durch die Ibar, einen eigentlich harmlosen Fluss. Im kleineren Norden der Stadt leben zumeist Serben, die Albaner mit ihrer eigenen Sprache und dem merkwürdigen phonetischen Schriftbild im südlichen Teil. Wie immer zwischen den Fronten, verstecken sich in einer früheren Kaserne am Rand der Stadt einige Hundert Roma. Und doch war Mitrovica über Jahrhunderte immer eine multiethnische Stadt. Man wohnte nebeneinander, die Kinder gingen gemeinsam in die Schule. Die Männer schufteten in den nahe gelegenen Gruben, während die Frauen als Verkäuferinnen, Lehrerinnen, Ärztinnen und Krankenschwestern das restliche Leben organisierten.
Was nur ist geschehen, was hat diese Menschen so entzweit…
HEDI SCHULITZAusschnitt aus “HÄUSLICHE GEWALT”
Eines Tages saß mir die damals schon betagte Klara in den Räumen ihrer kleinen Sprachenschule mit einem blauen Auge gegenüber. Nein, nicht was Sie denken, sagte sie gleich, nicht von meinem Mann ist das Veilchen, sondern von…
Von wem wohl? Von einem ihrer Kater war es, ein besonders schönes Tier, ein Amerikanischer Kurzhaar, kohlrabenschwarz mit leuchtend goldfarbenen Augen. Dieser besonders mutige, intelligente und robuste Katerheld sollte nun mit einem entzückenden, aber wohl äußerst kapriziösen Exotischen Kurzhaarfräulein zusammengebracht werden. Seit Tagen war das Kätzchen vor lauter Hunger nach Liebe die Gardinen hinauf- und hinuntergerannt, wahrscheinlich ohne zu begreifen, was mit ihm los war, denn die Freuden der Liebe hatte es offenbar bisher noch nicht kennengelernt…
WILL SERBAN
HERBSCHD
Gugg! D’Bleddar falle, unn s’isch nix zu heere.
Mar kennd grad maaine, dass dse d’Kepf schdumm schiddle,
unn sich mid Beddle unn mid Biddle
varzweifld gege s’Schderbe wehre.
Dann landese varzeddld unnerm Baaum
unn drooüme do ihr allarledschdar Draaum.
Doch wenn mideine Schuh ihr Ruh duusch schdeere,
do kammarse gans uffgreegd dissle heere.
ALEXJI VON GLASENAPP
Zum Nachdenken
Wenn bloße Etikette
jemanden vornehm macht
ohne die Regeln beim Namen zu nennen,
wenn alle den Ritualen folgen,
doch nur wenige dem Inhalt,
wenn das auswendig Gelernte
als Wissen gehandelt wird,
wenn Bekanntheit und Charakter
zum Verwechseln ähnlich scheinen,
wenn von einer selbstgestrickten Geschichte
gesagt wird, sie sei durchaus plausibel,
wenn tiefgründige Fragen
willentlich gemieden werden,
weil sie unbequem sind,
kennen wir noch unser Ziel?
EVELINE VON PFEIL Ausschnitt aus “ENTSCHEIDUNG ”
Entsetzt schaut Karl auf seine Frau. Sie liegt am Boden und rührt sich nicht. Warum musste sie ihn auch wieder reizen? Vorsichtig setzt er sich in den Sessel mit Blick auf die Liegende. Die Gedanken springen wirr in seinem Kopf umher.
Vor drei Jahren hatte er sie durch eine Zeitungsannonce kennen gelernt. Damals - Mitte vierzig - lebte er noch bei der Mutter…
SABINE WIEDEMANN
Ausschnitt aus “KALTES ZIMMER”
Kaltes Zimmer. Alte Fensterläden, durch die der Wind pfeift. Eisblumen an den Scheiben. Weißer Lack, der spräde von den Holzrahmen abblättert. Der Geruch nach alten Büchern. Schiller, Goethe, Heine in altdeutscher Schrift. Und nach Wörterbüchern. Russisch - Deutsch. Deutsch - Russisch. In vielfacher Ausführung. Der Staub der Jahre auf vergilbten Blättern.
Wenn es draußen windig ist, klappern die Fensterläden…
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